Geschlechtsspezifische kardiovaskuläre Prävention: Interdisziplinäre Chancen entlang des Lebensverlaufs von Frauen
Abstract
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache bei Frauen und Männern. Während klassische kardiovaskuläre Risikofaktoren bei beiden Geschlechtern auftreten, beeinflussen reproduktive Lebensphasen, hormonelle Veränderungen und gynäkologische Erkrankungen das kardiovaskuläre Risiko von Frauen zusätzlich. Schwangerschaftskomplikationen wie hypertensive Schwangerschaftserkrankungen, Gestationsdiabetes, Frühgeburt oder fetale Wachstumsrestriktion gelten heute als frühe Marker eines erhöhten langfristigen Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch Endometriose, das polyendokrine metabolische Ovarialsyndrom, eine frühe Menarche oder Menopause sowie frühere onkologische Therapien können mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko assoziiert sein. Lebensstilinterventionen mit regelmässiger körperlicher Aktivität, Rauchstopp, gesunder Ernährung und Gewichtsmanagement sind dabei zentrale Bestandteile der Primärprävention. Neben biologischen Geschlechtsunterschieden beeinflussen auch soziokulturelle Faktoren und die individuelle Lebensrealität die Umsetzung präventiver Massnahmen. Individualisierte, alltagstaugliche Lebensstilinterventionen, die berufliche, familiäre und betreuerische Verpflichtungen berücksichtigen, können insbesondere bei Frauen die langfristige Adhärenz verbessern. Da Gynäkolog:innen Frauen häufig über Jahrzehnte begleiten, bieten gynäkologische Konsultationen eine wichtige Gelegenheit zur frühzeitigen Risikostratifizierung, Beratung und Einleitung präventiver Massnahmen. Eine strukturierte Zusammenarbeit zwischen Gynäkologie, Hausarztmedizin, Kardiologie und weiteren Fachdisziplinen ermöglicht eine geschlechtsspezifische Prävention entlang des gesamten weiblichen Lebensverlaufs und trägt dazu bei, Herz-Kreislauf-Erkrankungen früher zu erkennen und langfristig ihre Krankheitslast zu reduzieren.