Umsetzung von Gesundheitsförderung und Prävention in der Pflege – eine Bestandsaufnahme
Abstract
Die Ottawa-Charta von 1986 fordert eine grundlegende Neuorientierung der Gesundheitsdienste. Für Pflegefachpersonen ist dieser gesundheitsförderliche und präventive Auftrag in allen Versorgungsbereichen – von der Akutpflege im Krankenhaus bis zur ambulanten und stationären Langzeitpflege – sowohl berufsrechtlich als auch ausbildungsseitig fest verankert. Der vorliegende Beitrag analysiert, inwieweit das vorhandene Potenzial der professionellen Pflege in Deutschland tatsächlich genutzt wird und wo die Ursachen für bestehende Umsetzungslücken liegen. In der Praxis zeigt sich eine deutliche Schieflage. Während risiko- und komplikationsorientierte Prophylaxen flächendeckend etabliert und standardisiert sind, bleiben gesundheitsfördernde Ansätze systematisch unterentwickelt. Konzepte zur Stärkung von Gesundheitskompetenz, Selbstmanagement und sozialer Teilhabe sowie strukturierte Beratungs- und Schulungsprozesse führen in allen Settings ein Nischendasein. Dies geschieht trotz steigenden Bedarfs infolge des demografischen Wandels und zunehmender Multimorbidität. Obwohl Pflegefachpersonen über die notwendigen Kompetenzen verfügen, verhindern übergeordnete Barrieren wie die kurative Ausrichtung des Gesundheitssystems, fehlende Zeitbudgets und anhaltender Personalmangel den Abruf dieser Ressource. Modelle aus Großbritannien, Kanada, Finnland und Schweden demonstrieren hingegen, dass spezialisierte und eigenständige Pflegerollen eine stärkere gesundheitsfördernde Ausrichtung der Praxis strukturell ermöglichen. Die mangelnde Umsetzung präventiver Pflegekonzepte ist primär ein strukturelles Problem. Die Profession verfügt über qualifizierte Fachkräfte, deren Potenziale sich unter den aktuellen Rahmenbedingungen jedoch nur eingeschränkt entfalten können. Eine Annäherung an die Ziele der Ottawa-Charta erfordert daher eine gezielte Modifikation der Versorgungsstrukturen und der organisatorischen Arbeitsbedingungen in allen Sektoren.