Primärversorgungssystem in Deutschland: Evidenz, Chancen und Implementierung
Abstract
Internationale Vergleiche zeigen, dass Gesundheitssysteme mit einer starken, koordinierenden Primärversorgung häufig bessere Gesundheitsoutcomes bei zugleich effizienterem Ressourceneinsatz erreichen. Vor diesem Hintergrund gibt dieser narrative Review auf Grundlage der verfügbaren Literatur sowie von Daten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) einen Überblick über Strukturen, Inanspruchnahme und Outcomes der Gesundheitsversorgung in Deutschland im Vergleich zu 11 weiteren europäischen Ländern und ordnet die Befunde im Kontext hausärztlich koordinierter Versorgungssysteme ein. Die Ergebnisse zeigen, dass Deutschland durch eine hohe Inanspruchnahme medizinischer Leistungen und hohe Gesundheitsausgaben gekennzeichnet ist, gleichzeitig jedoch bei zentralen Gesundheitsindikatoren, insbesondere der vermeidbaren Sterblichkeit, vergleichsweise ungünstig abschneidet. Eine stärkere Koordination durch die Primärversorgung könnte hier Verbesserungen ermöglichen. Gleichzeitig verdeutlichen die Befunde, dass der Erfolg primärärztlich koordinierter Versorgungssysteme entscheidend von ihren strukturellen Rahmenbedingungen abhängt. Neben ausreichenden hausärztlichen Kapazitäten sind interprofessionelle Teams, leistungsfähige digitale Infrastrukturen sowie verbindliche Koordinations- und Rückkopplungsmechanismen zentrale Voraussetzungen. Eine stärkere Primärversorgung allein reicht jedoch nicht aus: Ihre Wirksamkeit setzt tiefgreifende Strukturreformen und eine stärkere Ausrichtung des Gesundheitssystems auf präventive Maßnahmen voraus.